Nachdem die letzten beiden Neuvorstellungen der Marke OBSBOT, die beiden Webcams Meet SE und die Tiny SE, preislich ganz am unteren Ende des Produktportfolios des Herstellers angesiedelt waren, setzt der aktuelle Neuzugang am oberen Ende noch einen drauf. Das ist das Terrain, aus dem der Hersteller ursprünglich kommt und wo er richtig gut ist: Leistungsfähige und dennoch bezahlbare Live-Produktions-Kameras, die ausgewählte Motive automatisch verfolgen.
PTZ steht für Pan-Tilt-Zoom, OBSBOT spricht hier aber von einer PTZR-Kamera. Das R steht dabei für Rotate. Zusätzlich zu dem freibeweglichen Gimbal kann die Tail 2 nämlich die komplette Kameraeinheit rotieren. Das dient nicht nur dazu, das heute in einigen Social-Media-Plattformen wichtige Hochformat in voller Qualität zu realisieren, sondern es macht auch eine exakte Nivellierung der Kamera unnötig. Praktisch ist das also ein Drei-Achsen-Gimbal, ähnlich wie in einer Foto-Drohne, nur alles vier Nummern größer.
Knapp über ein Kilogramm Gewicht bringt die OBSBOT Tail 2 auf die Waage. Das ist auch dem stattlichen Objektiv geschuldet, das in einem 9,5 cm langen Zylinder mit 6,5 cm Durchmesser steckt und neben der erwähnten Drehmechanik ein komplett innenliegendes, mit F1,8 bis F3,0 recht lichtstarkes Objektiv mit 12 Linsen und optischem 5-fach-Zoom. Die Kleinbild-Brennweite entspricht 22 bis 110 mm. Zur sicheren Führung ist natürlich auch der Gimbal entsprechend groß, und die bewegliche Einheit sitzt auf einem Gehäusesockel, in dem ein stattlicher Akku für bis zu fünf Stunden Dauerbetrieb und zahlreiche Anschlüsse sitzen. Die Unterseite ist natürlich mit einem Stativgewinde versehen, aber ebenso mit einer rutschfesten Gummifläche. Wenn ein geeigneter Untergrund vorhanden ist, kann man die Tail 2 also einfach dort aufstellen.
Als Kamerasensor kommt ein 1/1,5-Zoll-Typ mit Dual ISO, HDR und Phasen-Autofokus auf allen Pixeln zum Einsatz. OBSBOT gibt diesen mit 50 Megapixeln an, 8192 x 6144 Pixel sollen es sein. Damit lässt sich dann zusätzlich digital zoomen, sodass sich insgesamt ein 12-fach-Hybrid-Zoom ergibt (entsprechend ca. 260 mm Kleinbild-Telebrennweite). Die genannten Megapixel erreicht man aber weder beim Fotografieren noch beim Filmen. 4K ist in jedem Fall das Maximum, also sowohl bei Fotos als auch bei Videos kommen maximal 3840 x 2160 Pixel heraus. Bei der Videoausgabe erfolgt das mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde, die bei Bedarf verringert werden können. Maximal 120 fps sind es bei 1080p. Aus solchen Aufnahmen lassen sich nachträglich Zeitlupen erstellen. Die Bildqualität ist wirklich sehr ordentlich, davon konnten wir uns schon überzeugen. Ein Test folgt noch in den nächsten Tagen, denn OBSBOT hat uns freundlicherweise ein Testgerät zur Verfügung gestellt.
Wer einen Blick in auf die drahtlosen und drahtgebundenen Schnittstellen wirft, bekommt den Eindruck, dass es hier praktisch nichts gibt, das es nicht gibt. Drahtgebunden stehen außer HDMI und 3G-SDI auch eine RJ45-Netzwerkschnittstelle (1GBit mit PoE+) zur Videobild-Ausgabe und zur Steuerung bereit, um die Kamera in Produktionsumgebungen einzubinden. Dabei geht SDI bis 1080p, alle anderen Schnittstellen bis 4K. Parallel dazu (oder auch ausschließlich) kann die Tail 2 auch auf einer eingesteckten Micro-SD-Karte aufzeichnen, wahlweise mit H.264- oder H.265-Kompression und mit bis zu 160 MBit/s.
Dabei lassen sich die verschiedenen Videostreams unabhängig konfigurieren. Beispielsweise kann auf der Speicherkarte ein 4K-Video gespeichert werden, während HDMI oder SDI mit 1080p genutzt wird, und parallel kann auch noch ein stärker komprimierter Live-Stream direkt an eine Video-Plattform gesendet werden. Dabei gibt es allerdings gewisse Abhängigkeiten, auf die wir in unserem Test näher eingehen werden. Ach ja, die USB-C-Schnittstellen hätte ich doch fast vergessen. Davon gibt es zwei. Die eine dient der Stromversorgung (Betrieb und Laden des Akkus). Die andere ist eine vollwertige USB-3.0-Schnittstelle, mit der die Kamera Plug-and-Play als UVC-Webcam genutzt werden kann.
Und dann gibt es natürlich noch die Drahtlos-Schnittstellen Wi-Fi 6 und Bluetooth. Darüber kann die OBSBOT Tail 2 einerseits gesteuert werden (Bluetooth), andererseits kann auch ein Livebild in hoher Qualität ausgeben werden. Und zwar entweder eingebunden in ein lokales WLAN oder on Location als Direktverbindung zum Smartphone oder Tablet. Darüber wiederum lässt sich dann auch direkt ein Videostreaming übers Mobilfunknetz realisieren.
Weitere Anschlüsse sind zwei 3,5mm-Klinkeneingänge, einmal für Mikrofon und ein Line-Eingang, denn irgendwo muss ja der Ton herkommen (eingebaute Mikrofone hat die Kamera nicht). Hier kann man also zum Beispiel ein Drahtlos-Mikrofon anschließen. Je ein 2,5mm RS232-Ein- und Ausgang dient der Fernsteuerung in professionellen Umgebungen.
Die Steuerung erfolgt wahlweise mit der App OBSBOT Start vom Smartphone oder Tablet aus. Auf diese Weise lässt sich die Kamera vollständig konfigurieren und steuern. Die Verbindung klappt bei uns sowohl über Android als auch iOS auf Anhieb und vollkommen problemlos. Alternativ kann die Kamera vom PC aus über die Software OBSBOT Center oder mit der optionalen Fernbedienung mit dem sperrigen Namen "OBSBOT Tail Air intelligenter Fernbedienungs-Controller" gesteuert werden.
Die Anwendungsmöglichkeiten der OBSBOT Tail 2 sind somit extrem vielfältig. Durch die eingebaute Funk-Technik, den Speicherkartensteckplatz und den eingebauten Akku kann die Kamera komplett autark betrieben werden. Nur wasserdicht ist die Kamera nicht. Auf Booten oder im Regen hat sie also nichts zu suchen. Dem Einsatz im Freien steht aber nichts entgegen, gerade durch die autonome Stromversorgung bietet sich das an. So kann die Kamera beispielsweise auf Hochstativen oder an Orten montiert werden, an denen es schwierig wäre, Kabel zu verlegen.
Neben der Hardware ist es vor allem die Software, die eine solche Kamera ausmacht, insbesondere die intelligente Verfolgungstechnik. Natürlich mit künstlicher Intelligenz, ohne die geht heute nichts mehr. OBSBOT spricht von KI-Tracking 2.0 mit neuen Eigenschaften:
- Neuer „Only Me“-Modus bleibt immer auf genau der getrackten Person, auch wenn zwischenzeitlich andere Personen im Vordergrund waren oder die Hauptperson vorübergehend aus dem Bild verschwunden war und wieder zurückkommt.
- Gruppen-Tracking-Modus passt den Bildausschnitt für mehrere Personen dynamisch an.
- Erweiterte Objekterkennung erkennt über 30 Tierarten und mehr als 200 Objekte und behält diese im Bild.
- Auto-Zoom-Funktion passt den Bildausschnitt intelligent für Nahaufnahmen und Weitwinkelaufnahmen an.
- Anpassbare Tracking-Geschwindigkeit & Achsensteuerung bietet fünf einstellbare Tracking-Geschwindigkeiten und unabhängige Pan-/Tilt-Anpassungen für unterschiedliche Anwendungen.
Alles in allem eine wirklich umfassend ausgestattete Kamera, dafür erscheint der Preis sehr angemessen: Knapp 1.500 € kostet die OBSBOT Tail 2 und ist beim Hersteller, bei ausgewählten Händlern und bei Amazon erhältlich. Wir werden in den nächsten Tagen mit einem ausführlichen Test auf diese Kamera zurückkommen.